|
17.06.2006
Hoffen auf das Beste, Vorbereiten auf das Schlimmste
von Ralph Kutza
Ăberraschend positive Signale kamen wĂ€hrend des SCO-Gipfels zum sog. Atomstreit
mit dem Iran - parallel dazu bahnen sich weitreichende Waffenabkommen und Allianzen zwischen den der US-Hegemonie trotzenden Staaten an.
US-AuĂenministerin Rice teilte am vergangenen Freitag nach einem GesprĂ€ch mit Italiens
AuĂenminister DÂŽAlema ungewohnt positiv mit: âSicherlich, wir haben einige positive Stellungnahmen von den Iranern gehört.â Dem schloĂ sich auch US-Energieminister Sam Bodman
an, der die Bemerkungen des iranischen PrĂ€sidenten zum Atomstreit âermutigendâ nannte. Er bezog sich auf dessen ĂuĂerungen wĂ€hrend des SCO-Gipfels in Shanghai.
Ahmadinedschad hatte dort die jĂŒngsten VorschlĂ€ge der UN-VetomĂ€chte und Deutschlands als âbesser als zuvorâ bezeichnet, was âneue Möglichkeiten fĂŒr die Wiederaufnahme von
GesprĂ€chen geliefertâ habe.
Noch tags zuvor hatte sich allerdings Sean McCormack als offizieller Sprecher des
US-AuĂenministeriums sehr abschĂ€tzig ĂŒber die SCO-Staaten geĂ€uĂert: âIrans Anwesenheit als Beobachter, wo doch dieses Land der gröĂte und bedeutendste Sponsor des Terrorismus
ist, widerspricht der Idee dieser LĂ€ndergruppe, dem Terrorismus Widerstand zu leisten.â

Im Zuge des SCO-Gipfels vom 15.-16. Juni hatten Indien, Pakistan und Iran als LĂ€nder mit Beobachterstatus ihr
groĂes Interesse an einer Vollmitgliedschaft bekundet, worĂŒber aber in Shanghai noch nicht endgĂŒltig entschieden wurde. Irans staatliche Nachrichtenagentur IRNA hatte zuvor mitgeteilt, daĂ im Mai China und RuĂland fĂŒr Iran
dessen Vollmitgliedschaft beantragt hÀtten. Der zivile, kooperative Charakter der SCO wurde durchgÀngig von allen
Teilnehmern des Gipfels betont. FĂŒr den Iran war dieser Gipfel eine enorme Aufwertung seiner internationalen
Bedeutung, wurde doch ausgerechnet Ahmadinedschad als PrÀsident eines Beobachterstaates die beachtliche diplomatische Ehre zuteil, die einzige Grundsatzrede (zu den Entwicklungen im Mittleren Osten) vor dem Plenum zu halten.
Eine beinahe sensationell klingende Bemerkung des russischen AuĂenministers Lawrow zum Atomstreit vermeldete Ria Novosti am Freitag aus Alma-Ata. Demnach sei der russische Vorschlag eines Joint Ventures zur
Urananreicherung Bestandteil des Vorschlagspakets der âSechsâ gegenĂŒber Iran. Die USA hatten diesen Vorschlag
Moskaus noch wenige Wochen zuvor strikt abgelehnt. Ăber den Vorschlag meinte Lawrow: âAus irgendeinem
Grund entstand bei allen der Eindruck, daĂ dies ein Zauberstab ist. Wenn der Vorschlag akzeptiert wird, so ist alles
gut. Wenn nicht, dann wird alles ganz schlecht werden. Es ist alles grundsĂ€tzlich anders.â
Ahmadinedschad forderte laut Tehran Times in Shanghai erneut die Untersuchung des Holocaust: âHistorische
Ereignisse mĂŒssen alsbald von unabhĂ€ngiger und unvoreingenommener Seite untersucht werden.â Zudem Ă€uĂerte er,
daĂ das âProblem nicht die Judenâ wĂ€ren, sondern die âZionisten, die sich hinter dem Judaismus verstecktâ hĂ€tten.
Auch wenn das formal ein anderer Themenkomplex ist als die Nuklearfrage, werden aus westlicher Sicht solche
SĂ€tze nicht gerade zur AbkĂŒhlung der aufgeheizten Lage im Nahen und Mittleren Osten beitragen. Dazu wird
allerdings auch nicht beitragen, was am Dienstag die israelische Tageszeitung Haaretz vermeldet hatte. Ihr zufolge
wÀre im Libanon eine Terrorzelle ausgehoben worden, und der Libanese Mahmoud Rafeh hÀtte gestanden, mehrere
tödliche AnschlĂ€ge im Auftrag und mit UnterstĂŒtzung des israelischen Mossad durchgefĂŒhrt zu haben.
Am vergangenen Donnerstag unterzeichneten die Verteidigungsminister Syriens und des Iran eine Vereinbarung zur militÀrischen Zusammenarbeit
gegen die âgemeinsame Bedrohungâ durch Israel und die USA. GemÀà der in London erscheinenden arabischsprachigen Zeitung al-Hayat bekundete Syrien Interesse am Kauf
diverser Waffensysteme. Iran könnte Flugabwehr- raketen, T-72-Panzer, Scud-Kurzstreckenraketen und Raketenwerfer liefern. Beide Seiten betonten
die StÀrkung der gegenseitigen Bindungen und die Notwendigkeit der Friedensbewahrung und StabilitÀt in der Region.
In Venezuelas Hauptstadt Caracas fand vom 13.-18. Juni die RĂŒstungsmesse EjĂ©rcito 2006 statt. Insbesondere
russische Waffensysteme wurden vorgefĂŒhrt und stieĂen auf Kaufinteresse. Wie das staatliche russische
Waffenexportunternehmen Rosoboronexport mitteilte, wĂŒrden Venezuela unter anderem einsitzige Mehrfunktions
-Kampfflugzeuge Su-27SK, die zweisitzige Modifikation Su-30MK und NachtjÀger-Hubschrauber Mi-28NE zum
Kauf angeboten. Venezuela ersetzt demnÀchst seine amerikanischen Jagdflugzeuge vom Typ F-16.
GezwungenermaĂen, da es einem strikten US-Waffenembargo - auch fĂŒr Ersatzteile - unterliegt. Venezuelas
Botschafter in Moskau, Alexis Navarro Rojas, meinte, man bereite auch Verhandlungen ĂŒber den Kauf von Su-35
-Kampfflugzeugen vor. Alberto MĂŒller Rojas, Mitglied des Generalstabs und MilitĂ€rberater von PrĂ€sident Chavez,
lobte jĂŒngst die Su-35 als aktuell âbestes Mehrzweck-Jagdflugzeug der Weltâ. Wie der österreichische Standard am Donnerstag meldete, hat PrĂ€sident Chavez den nicht nĂ€her spezifizierten Kauf von 24 Suchoi
-Kampfflugzeugen (laut n-tv solche vom Typ Su-30) verkĂŒndet. Er erklĂ€rte, die USA könnten seine âsozialistische
Revolution fĂŒr die Armenâ nicht aufhalten, und verkĂŒndete donnerstags, Venezuela werde 6 Millionen
Lateinamerikanern und Karibianern mit Augenleiden kostenlose Behandlung ermöglichen. Den insgesamt defensiven Charakter der WaffenkĂ€ufe bestĂ€tigte laut Standard bereits im MĂ€rz Anna Gilmour von Jane's Country Risk: âDie
Armeeausgaben sind das Notwendigste.â
|