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Krieg wg. Ölbörse?

23.03.2006

 

Eine Replik auf den Beitrag “Iran-Krieg wegen Dollar?”
in der jungen Welt vom 22.03.06 von Winfried Wolf


von Ralph Kutza


Das “Gerücht”: Winfried Wolf bezeichnet eine Theorie über Zusammenhänge der  geplanten Einführung der iranischen Ölbörse auf Euro-Basis und der evtl. dadurch  gefährdeten “Dollar-Herrschaft” als “Gerücht”. Das ist eine überaus harsche  Einleitung seines Artikels. Warum verwendet er dieses offenkundig mit negativem Bedeutungsgehalt besetzte Wort “Gerücht” dann nicht auch für den von ihm andererseits wie eine unumstößliche Tatsache dargestellten “drohenden Krieg” gegen den Iran? Daß solcher droht, könnte man - setzte man Wolfsche Maßstäbe an - ebenso abwertend als bloßes “Gerücht” abtun, solange Diplomaten verhandeln,  keine Ultimaten mit Waffeneinsatzdrohung verhängt werden bzw. solange nicht  Bomben und Raketen einschlagen und das Drohen zum Faktum wird. Und selbst das  eingetretene Faktum verstehen bekanntlich manipulativ agierende Massenmedien als  bloße “Intervention” und “chirurgische Schläge” mit “geringfügigen Kollateralschäden” zu verkleistern.

Dem linken Lager hält Wolf vor, diese Theorie für einleuchtend zu halten, “obgleich” der Start dieser internationalen Ölbörse mehrfach verschoben wurde. Diese Verschiebungen könnten aber erstens auch durch technische Probleme bedingt  sein, zweitens zusätzlich oder stattdessen auch dadurch, daß Teheran in der angespannten Situation vielleicht nicht zusätzlich in eskalierender Weise sprichwörtliches Öl ins Feuer gießen möchte. Letztere Möglichkeit hat offensichtlich sogar das Potential eines starken Arguments gegen die Wolfsche Skepsis gegenüber der Theorie der Dollarhegemoniegefährdung. Dem Iran wäre dann die Wichtigkeit der Ölbörse nämlich so sehr bewußt, daß er um des Friedens Willen zögert, sie zu verwirklichen.

Den Kongreßabgeordneten Ron Paul rückt Winfried Wolf sodann in die Nähe  von Verfechtern “fragwürdiger Verschwörungstheorien”. Er verwendet leichtfertig diesen Kampfbegriff der systemstützenden Massenmedien, die diesen bekanntlich beispielsweise auch dazu einsetzen, jegliches Hinterfragen der offiziell  erzählten Verschwörungstheorie zum Elften September (die wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht anmutet: “Es waren Osama und seine 19 muslimischen  Teppichmesser-Räuber”) zu verunglimpfen und zu verhindern.

Was hierzulande kaum bekannt ist: Ron Paul war und ist entschiedener Gegner des Irakkriegs und nun des natürlich tatsächlich (wer wollte dies bestreiten) drohenden Irankriegs oder auch des Bürgerrechte drastisch beschneidenden “PATRIOT Acts”. Auch fühlte er als nahezu einziger  Kongreßabgeordneter regelmäßig dem früheren FED-Chef Greenspan auf den Zahn,  u.a. was die zügellose Explosion der Staatsverschuldung unter dessen Ägide des lockeren Geldes angeht. Paul gehört insofern zu der Minderheit von etablierten  US-Politikern, die aus dem linken Lager eher Anerkennung verdienen würden, statt  den Totschlagbegriff Verschwörungstheoretiker an den Kopf geschmissen zu  bekommen. Paul könnte natürlich, wie jedermann, falsch liegen: Aber seine Meinung zum Gold wird durchaus von vielen Kritikern der US-Politik geteilt. Zum Beispiel von denjenigen renommierten Ökonomen, die GATA unterstützen, das Gold Anti-Trust Action Committee. Selbst die FAZ brachte immerhin Artikel über GATA,  während das wirtschaftsmediale Mainstream-Amerika noch versuchte, diese Gruppierung durch Ignorieren bedeutungslos zu halten. Seitdem sich jedoch der Goldpreis in den letzten wenigen Jahren nicht nur gegenüber dem US-Dollar mehr als verdoppelt hat, sondern gegenüber allen “Papiergeld”-Währungen stark  ansteigt, gelingt dies immer weniger. Mehrere Notenbanken haben längst den  Zukauf von Gold (und die Diversifizierung aus dem Dollar) in Aussicht gestellt, darunter Argentinien, Südkorea, China oder Rußland. Seit vielen Jahren übersteigt die Nachfrage nach Gold (und Silber) die Neufördermenge dieser Edelmetalle erheblich, Tendenz weiter steigend. GATA weist darauf hin, daß seit  Mitte der 90er Jahre neben umfangreichen Abverkäufen aus Notenbankbeständen (dafür bezieht aktuell die britische Zentralbank kräftig Prügel, weil dieser Abverkauf nahezu am Zwanzig-Jahres-Tiefpunkt nur noch als bewußt in Kauf genommene Vernichtung von Volksvermögen bezeichnet werden kann) nur durch  massive, verdeckte Ausleihungen (gold leasing), deren unbestreitbar enormer Umfang in der Tat nahezu weltweit wie ein Staatsgeheimnis behandelt wird, was ein äußerst starkes Indiz für die Richtigkeit der GATA-Vorwürfe ist, und durch Eingriffe auf den Futures-Märkten der Preis künstlich massiv gedrückt werden konnte. Selbst Spiegel online untertitelte am 6. Januar 2001: “Gegen US-Notenbankchef Greenspan läuft eine Klage wegen Manipulation des Goldpreises. Auch die Deutsche Bank soll  in die zwielichtigen Geschäfte verwickelt sein.”

Auf solche Hintergründe auch nur ansatzweise hinzuweisen unterläßt Wolf  leider, möglicherweise sind sie ihm nicht einmal bewußt.

Wolf kommt auch nicht auf die Idee, daß die Gefahr für den US-Dollar in  einem Schneeballeffekt liegen könnte. Nicht nur der Iran könnte auf die Idee kommen, Öl in Euro (oder gar Gold?!) abzurechnen, sondern andere Länder könnten sich diesem Schritt anschließen. Aus Rußland waren solche Andeutungen auch bereits zu vernehmen.

Zudem könnte der Handel in Euro nicht nur beim Erdöl Schule machen, sondern bei anderen Rohstoffen auch. Das aber heißt, daß zwar eine monokausale Zuweisung eines Kriegsgrundes auf die Ölbörse unzulässig und falsch, aber ein Ignorieren von deren Bedeutung ebenso irreführend wäre.

Wolf räumt ein, daß auch Saddam Hussein Öl nur noch für Euro verkaufen wollte.
Paul führt in seiner Rede am 15. Februar u.a. aber auch aus: “Im Jahr  2001 sprach der Botschafter Venezuelas in Rußland bezüglich aller venezolanischen Ölverkäufe vom Wechseln zum Euro. Innerhalb eines Jahres gab es  einen versuchten Staatsstreich gegen Chavez, Berichten zufolge mit Unterstützung unserer CIA.”
Diese wichtige, unbestreitbar Pauls “Theorie” zumindest stützende Passage  hat Winfried Wolf unerwähnt gelassen.

Paul weiter: “Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Erhalt der Dollarvormachtstellung der einzige motivierende Faktor für den Krieg gegen den  Irak war, auch nicht für das Agitieren gegen den Iran. Obwohl die realen Gründe dafür, einen Krieg zu beginnen, komplex sind, wissen wir jetzt, daß die Gründe, die vor Kriegsbeginn genannt wurden, wie die Präsenz von Massenvernichtungswaffen oder Saddam Husseins Verbindung zu 9/11, falsch waren. Die Wichtigkeit des Dollars ist offensichtlich, aber das mindert nicht den Einfluß der eindeutigen Pläne, die vor Jahren von Neokonservativen zur Neugestaltung des Mittleren Ostens aufgemacht wurden.”

Schon bis hierher wird deutlich, daß sich Wolfs Vorhaltungen gegen Pauls “Verschwörungstheorie” in Wohlgefallen auflösen. Die behauptete monokausale Ursachenzuschreibung auf “böses Papiergeld” ist eine reine Unterstellung. Doch es kommt noch schlimmer für die Wolfsche Argumentation, der schließlich in  seinem Beitrag klarstellen möchte, was der tatsächliche Kriegsgrund sei. Es gehört schon reichlich Chuzpe dazu, das Wort Israel - insbesondere beim befürchteten Vorgehen gegen den Iran - nicht einmal zu verwenden. Paul hingegen  fuhr in seiner Rede (an der Stelle noch bezogen auf Irak) wie folgt fort: “Israels Einfluß wie auch jener der christlichen Zionisten spielten gleichermaßen eine Rolle beim Verfolgen dieses Kriegs. Das Beschützen ´unserer´ Ölvorräte hat seit Dekaden unsere Politik gegenüber dem Mittleren Osten beeinflußt. (...) Dieser nie endende Zwei-Billionen-Dollar-Krieg muß bezahlt werden, auf die eine oder andere Weise. Die Dollarhegemonie liefert das Vehikel dafür, genau das zu tun.”

Wolf meint, drei Gründe sprächen gegen Pauls Theorie. Daß  75% des Welthandels, wovon Öl bei den Exporten ohnehin nur 10% ausmache, auf  Dollarbasis liefen, sei auf die wirtschaftliche und militärische Bedeutung der USA zurückzuführen. Hier läßt Wolf jedoch völlig unberücksichtigt, daß die USA seit langem ein atemberaubend hohes und sogar sich stetig ausweitendes Doppeldefizit (Haushalt und Außenhandel) aufweisen. In der Wirkung liefert der  Rest der Welt den USA tagtäglich netto mehr als 2 Milliarden Dollar an Waren und Dienstleistungen als andersherum. Und erhält dafür üblicherweise was? Richtig, rasend schnell anwachsende (also inflationierte), elektronisch verbuchte Dollarguthaben. Mancher nennt das auch die moderne Form von Tributzahlungen. Doch solch ein System ist höchst fragil und in seiner Weiterexistenz gefährdet, insbesondere sobald ein Dollarrutsch anfängt. Daß die FED just für den 23.03.2006 ankündigte, von da an keine weiteren Zahlen zur rasant steigenden Geldmenge M3 zu veröffentlichen, ist hierfür ein Alarmsignal ersten Ranges, welches Wolf nicht einmal streift.

Wolfs Grund 2: Nur 5,5 Milliarden Dollar seien für tägliche Ölkäufe nötig, aber Ausländer hätten 10 Billionen Dollar in den USA angelegt, und das gewiß ohne Zwang hierzu.

Hier vergleicht er Äpfel mit Birnen, nämlich tägliches Handelsvolumen eines Rohstoffs mit der Verwendung der mindestens über 35 Jahre (seit 1971) angehäuften Überschüsse aus allen möglichen wirtschaftlichen Aktivitäten weltweit. Das ist zurückhaltend formuliert wenig sinnvoll. Unerwähnt bleiben bei dieser Herangehensweise außerdem die umgerechnet ebenfalls einige Billionen Dollar ausmachenden Anlageformen (getätigt in Fremdwährungen) der USA  im Ausland. Wenn, dann müßte er die Differenz der Anlagebestände betrachten.

Ohne Zwang? Nun, die BBC enthüllte 2004, daß die USA und Großbritannien 1973 Pläne zur Eroberung der Ölfelder in Saudi-Arabien, Kuwait und Abu Dhabi hatten. Die damalige Ölkrise wurde aber anderweitig gelöst, es wurde von arabischer Seite zugesagt, die Petrodollars reichlich in den USA anzulegen (zudem begann damals eine exzessive, brutal durchgesetzte und letztlich verhängnisvolle Welle von Kreditvergaben an viele ärmere, nicht- ölproduzierende Staaten; siehe John Perkins´ Lebensbeichte “Confessions of an Economic Hitman”, siehe auch William Engdahl am 10. März bei GlobalResearch.ca).

Und heute? Weder China noch Japan oder andere Länder mit großen Dollarreserven wollen diese mühsam erarbeiteten Reserven rapide schwinden sehen oder ihre Exportindustrien leichtfertig ruinieren. Die Situation erinnert an mathematische Spieltheorie und das “Gefangenendilemma”. Ein schnelles Aufgeben zu umfangreicher Dollarbestände könnte unkalkulierbare außenpolitische  Spannungen bis hin zum Krieg (mit China) auslösen. Da erscheint es strategisch insbesondere für China besser, das “Spiel” der turmhohen Dollaranleihenanhäufung  noch solange mitzumachen, wie es sich mehr Vorteile davon verspricht, d.h. Ausbau eigener hochtechnologischer Kompetenz und Fertigungskapazität, im zivilen wie militärischen Sektor, parallel dazu aber bereits die weitsichtige Aufstockung von sovielen strategischen Rohstoffreserven und Zugängen zu ihnen wie nur irgendmöglich.

Wolf ergeht sich bei seinem vermeintlichen Gegenargument 2 in wie eine wahre Lobpreisung des amerikanischen Kapitalismus anmutende Auflistung  (maximaler Profit machbar, doppelt so hohes Wirtschaftswachstum, hohe Börsenkurse, Immobilienboom, optimale Finanzstruktur). Für einen Linken fürwahr erstaunlich. Hat Wolf die Börsen- und Finanzskandale vor wenigen Jahren nicht  mitbekommen? Enron? Was ist mit Delphi oder GM? Daß der Immobilienboom eine Blase darstellt, zumal eine, deren Platzen bereits in ersten Zügen unverkennbar ist, hat er offenbar noch nicht vernommen, oder warum verschweigt er es sonst? Bezüglich des scheinbar so beeindruckenden Wachstums möge er einmal bei Dr. Kurt Richebächer (früher Chefökonom der Dresdner Bank) nachlesen. Dieser erläuterte schon vor über fünf Jahren, daß statistische Tricksereien, wie etwa die Hedonische  Methodik, zum Beispiel die in den USA während 18 Monaten getätigten Computerinvestitionen in realer Höhe von 114 Milliarden Dollar auf 299 Milliarden Dollar aufblähten. Und diese Zahlen werden dann als Wirtschaftswachstum “verkauft” und von der deutschen Linken auch noch geglaubt. Vorstände deutscher Großbanken dürften sich da auf die Schenkel klopfen, ohne daß sie das zugeben dürften.

Das dritte Gegenargument ist etwas unscharf, aber im Kern vermutlich der Hinweis auf die US-Militärmacht, mit der der Anspruch auf die Verwendung des  Dollars als Abrechnungseinheit durchgesetzt werden könne. Wo aber soll das eine Widerlegung Pauls sein? Paul: “Obwohl wir fremde Länder nicht direkt plündern, haben wir  nichtsdestotrotz unsere Truppen über 130 Nationen der Welt verbreitet.”

Zum Schluß verkündet Wolf dann als Alternative zu einer (fälschlicherweise Paul unterstellten) monokausalen Erklärung seine arg monokausal anmutende Erklärung für einen drohenden Irankrieg: Der Iran solle vor allem daran gehindert werden, die Kontrolle über diese Region zu erlangen.
Gegen Ende stockte mir dann wirklich der Atem. Da war bei Wolf die Rede von der “Tatsache”, daß der Iran in den Besitz von Atomwaffen gelangen könnte. Eine Tatsache ist das? Wer hat ihm denn dieses zugeflüstert? Und ich dachte, das sei ein Kriegsvorwand.

Schließlich kommt seine ganz private “Verschwörungstheorie”: Die USA würden im Kriegsfalle “zwar auch” mögliche Standorte iranischer Atomtechnik bombardieren, “vor allem aber” die Infrastruktur iranischer Öltransportwege. Auf welche Quellen beruft er sich bei dieser Behauptung? Wenn es denn schon vorwiegend oder nur ums Öl (bzw. seine geostrategische Kontrolle) gehen sollte (daß es auch ums Öl geht, bestreitet niemand ernsthaft), warum dann nicht gleich die Ölfelder besetzen? Wäre das nicht naheliegender als eine Zerstörung von Infrastruktur, die für sich alleine genommen schon eine Ölpreisexplosion und Weltwirtschaftskrise ersten Ranges zur  Folge hätte?

Summa summarum bleibt der Artikel weit unter dem Niveau, das man von Winfried Wolf erwarten darf.

 

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