12.06.2006

 

Beckstein und die wundersamen Warnungen vor Provokationen iranischer Agenten

 
von Dr. Ralph Kutza
 

Der bayerische Innenminister Beckstein, CSU, warnte in den letzten Tagen wiederholt davor, daß womöglich „iranische Agenten bei der Fußball-WM Zwischenfälle provozieren wollen. Der französische Geheimdienst soll deutsche Sicherheitsstellen gewarnt haben“.

Nun, denkbar ist bekanntlich viel. Aber ist es auch halbwegs glaubhaft bzw. besitzt es auch nur einen Hauch von Wahrscheinlichkeit? Ist etwa die iranische Regierung so suizidal verlangt, daß sie freiwillig den Vorwand für einen längst vorbereiteten Krieg gegen den Iran liefert und Terrorakte in NATO-Staaten verüben läßt?

Muß man womöglich angesichts dieser wundersamen Informationsauswürfe bayerischer Provinzpolitiker, nachdem sie angeblich mit Topinformationen französischer Geheimdienstler zu den aktuell denkbar brisantesten Hintergründen der Weltpolitik überhaupt gefüttert wurden, neuerdings sozusagen von einer deutschlandweit überlegenen Intelligence Bavaroise ausgehen? - Natürlich nicht!

Weiß ein bayerischer Innenminister, sonst eher bekannt für deftige Bierzeltsprüche und hartes Durchgreifen gegen Demonstranten bei der alljährlichen Münchner NATO-Konferenz (von vielen Teilnehmern häufig auch prägnant „Kriegstreibertagung“ genannt statt „Sicherheitskonferenz“ oder „Wehrkundetagung“), und zwar bundesweit er alleine, tatsächlich mehr über Gefahren „iranischer Agentenprovokationen“ als z.B. der Bundesinnenminister Schäuble oder der Außenminister Steinmeier, von denen solche Warnungen nicht zu vernehmen sind?

Nun, das ist wahrlich nicht zu vermuten.

Was Beckstein einerseits von sich gibt, und was er vor allem anderseits nicht verkündet, das allerdings ist durchaus einer näheren Betrachtung wert.

Beckstein könnte schließlich auch wiedergeben, daß bereits wenige Tage (Ende Mai) zuvor eine andere ominös-groteske „Warnung“ im Nahen Osten plaziert wurde, die de facto den Iran in ein schlechtes Licht rückte oder rücken sollte. Ihr zufolge (laut Ynet bzw. al-Watan) wären angeblich Anschläge von Hisbollah-Zellen (also gerade nicht iranisch-staatlichen Agenten) zu befürchten, die belegen sollten, daß der Iran zur Vergeltung in der Lage wäre, sollte er angegriffen werden. Warum unterläßt es Beckstein, dies zu erwähnen? Etwa weil dann ein Muster erkennbar wäre - eines, das allen möglichen unbelegten Unsinn verbreitet, Hauptsache der Iran wird als Täter und bzw. schuldiger Drahtzieher dargestellt?

Beckstein könnte auch – was er wenig überraschend aber ebenfalls unterläßt - die Warnungen von Ray McGovern zitieren, immerhin langjähriger früherer CIA-Analyst und US-Präsidentenberater. McGovern hatte sich erst jüngst mutig bei einer Publikumsfragerunde im Anschluß an eine Rumsfeld-Rede mit so überaus deutlichen Vorwürfen (zu Lügen bezüglich behaupteter/erfundener Lagerstätten irakischer Massenvernichtungswaffen) in Richtung Rumsfeld hervorgewagt, daß dieser ziemlich strauchelnd reagierte, ja beinahe hilflos stammelte.

Aktuell befürchtet McGovern jedenfalls inszenierte (d.h. von „westlichen“ Geheimdiensten durchgeführte oder zugelassene/unterstützte) Terroranschläge in Europa und/oder den USA, um Pläne der Bush-Administration zu rechtfertigen, den Iran militärisch anzugreifen, was bereits im Juni oder Juli der Fall sein könnte (jedenfalls zeitlich einigermaßen deutlich vor den Herbstwahlen zum US-Kongreß).
Beckstein schweigt zu solchen Einschätzungen. Weil nicht sein kann, was im bürgerlichen Bewußtsein nicht sein darf?

Was aber ist wahrscheinlicher?
Daß iranische Agenten „Provokationen“ ausführen, um die iranische Opposition zu diskreditieren, obwohl das, sollten sie „geschnappt“ werden, ein unvergleichliches außenpolitisches Fiasko für den Iran bedeuten würde?
Oder daß ein etwaiger Vorfall indirekt oder direkt dem Iran in die Schuhe geschoben werden soll (schlimmstenfalls als propagandistischer Kriegsvorwand), während die eigentlichen Täter in “eigenen” Geheimdienstkreisen (wie CIA oder Mossad) zu finden wären?

Drei Beispiele sollen der besseren Einschätzung der hier zur Frage stehenden Wahrscheinlichkeit dienen:

  1. Der Luftangriff der USA unter Präsident Reagan auf Libyen
  2. Der Angriff Israels auf die USS Liberty
  3. Die Einschätzung des Mossad durch amerikanische Militärakademien als „Wildcard“

1. Der Mossad-Aussteiger Victor Ostrovsky berichtet in seinem Buch „Geheimakte Mossad“ über die „erfolgreich“ angewandten miesen geheimdienstlichen Tricks, die Libyen in ein schlechtes Licht werfen, und die USA zu einem militärischen Angriff auf Libyen veranlassen sollten.

 

2. Am 8. Juni 2006 jährte sich zum 39. Mal der Angriff israelischer Streitkräfte auf das amerikanische Aufklärungsschiff USS Liberty. Von der Besatzung wurden 34 getötet und 173 verletzt .
Der Angriff erfolgte während des Sechstagekriegs 1967. Mehrere israelische Kampfflugzeuge attackierten damals das in internationalen Gewässern im Mittelmeer langsam dahinfahrende, damals hochmoderne US-Aufklärungsschiff, das laut Überlebendenaussagen klar als amerikanisches Schiff identifizierbar war (Flagge am Heck; Außenbordwand-Markierungen). Die israelischen Flugzeuge griffen ohne jegliche Warnung mit Raketen an, setzten ihre Bordkanonen und sogar Napalm ein. Gleichzeitig wurden augenscheinlich sämtliche amerikanischen Notfall-Frequenzkanäle der Liberty gestört („Jamming“).
Im Anschluß an den Lufwaffenangriff näherten sich israelische Torpedoboote, schossen mehrere Torpedos auf die bereits schwer lädierte Liberty ab, und feuerten dann auch noch längsschiffs mit ihren Schiffskanonen auf die Liberty. Eine Versenkungsabsicht ist schwerlich zu leugnen. Erfolgreich gelang es der US-Besatzung aber, verzweifelt um ihr nacktes Überleben zu kämpfen, d.h. erstens das Sinken zu verhindern und zweitens auf Basis der Trümmer der zerschossenen Kommunikationsanlagen kurzfristig provisorische Sendefähigkeit wiederzuerlangen und bei der flugzeugträgerbestückten Sechsten US-Flotte eine so dringend benötigte Rettung anzufordern. Deren US-Flugzeuge erhielten unverschlüsselte Abschußgenehmigung bezüglich der ominösen Angreifer und umgehend verschwanden die Torpedoboote. Auch ein bereits über der Liberty schwebender Helikopter mit israelischen Soldaten als Enterkommando in voller Kampfmontur flog unverrichteter Dinge wieder weg. Unmittelbar darauf meldete sich das israelische Militär beim amerikanischen, man habe wohl versehentlich ein amerikanisches Schiff angegriffen, das man mit einem ägyptischen verwechselt habe. Die US-Regierung akzeptierte letztlich diese laue Ausrede, sehr zum Mißfallen höchster Militärs (wie Admiral Thomas Moorer) oder entgegen der Einschätzung des früheren CIA-Chefs Richard Helms.
Wenn man das Schiff für ein ägyptisches hielt, warum erfolgte dann laut einhelligen Berichten der Überlebenden der Liberty der Angriff mit unmarkierten Kampfflugzeugen (ohne Hoheitszeichen)? Dieses Detail ist äußerst wichtig und es ist vielsagend, daß sich Israel bis heute dazu nicht äußert – auch zu den Jamming-Anschuldigungen der US-Notfallfrequenzen nicht!
Unter Fachleuten ist längst völlig unbestritten, daß das israelische Militär genau wußte, was es tat. Aber warum sollte Israel ein US-Schiff versenken wollen?
James Bramford (bekannt vor allem durch einen Wälzer über die NSA) spekuliert wenig überzeugend, das israelische Militär habe Massaker an hunderten ägyptischen Soldaten (Kriegsgefangenen) vor dem modernen Aufklärungsschiff verbergen wollen.
Andere (Joseph Daichman in einem Werk über die Geschichte des Mossad) meinen, daß - wenn die Liberty weiter nach Osten (Richtung Syrien) gefahren wäre - die Sowjets (mit Syrien verbündet) die Funkspruchausstrahlungen hätten abhören und somit kriegswichtige militärische Details der israelischen Stellungen und Planungen an die Araber weiterleiten können, was ein Angriffsmotiv gewesen sein könnte. Aber solcherlei Spekulation überzeugt in keinster Weise.
Mit Abstand am plausibelsten ist denn auch, was am 10. Juni 2003 die BBC in ihrer Liberty-Dokumentation „Dead in the Water“ ausstrahlte. Der BBC zufolge hat nämlich der Angriff auf die USS Liberty beinahe zu einem atomaren Schlag der USA gegen Ägypten geführt, welches irrtümlich kurzfristig für hinter dem Angriff stehend gehalten worden sei.
Im Jahr 2003 veröffentlichte zudem der Journalist Peter Hounam „Operation Cyanide: How the Bombing of the USS Liberty Nearly Caused World War III”. Darin sagt er, Israel und US-Präsident Johnson seien insgeheim darin übereingekommen, daß die Liberty versenkt werden sollte - mit vollständigen Verlust der Besatzung. Daher sei auch Geleitschutz für die Liberty vorab abgelehnt worden. Die Attacke wäre dann Ägypten in die Schuhe geschoben worden, was den USA erlaubt hätte, Ägypten anzugreifen. Als aber nach zwei Stunden die Liberty noch immer nicht versenkt worden wäre, hätte man den Plan schnell gewechselt. Israel habe sich für den „versehentlichen“ Angriff entschuldigt und eine Vertuschungskampagne habe eingesetzt.
Oh! Da fällt eine gewisse Parallelität des späteren US-Angriffs auf Libyen nach dem Legen falscher Fährten durch den israelischen Mossad ins Auge, nicht wahr?
 

3. Eine recht aktuelle Studie innerhalb des amerikanischen Militärs schätzt den Mossad als hochgefährlich ein. Die Washington Times bezieht sich im Artikel „U.S. troops would enforce peace under Army study “ (Washington Times vom 10. September 2001 [sic!]) auf eine 68-seitige Studie der Army School of Advanced Military Studies (SAMS). Über den Mossad äußerten sich dabei SAMS-Offiziere so: „Wildcard. Ruthless and cunning. Has capability to target US forces and make it look like a Palestinian/Arab act."
Der Mossad sei also ein rücksichtsloser, abgefeimter Joker und dazu fähig, US-Streitkräfte anzugreifen und es wie eine palästinensische/arabische Tat aussehen zu lassen.


Damit sollte die Frage, ob eher Becksteins oder McGoverns Warnungen fundiert und berechtigt sind, leicht beantwortbar sein.
Was aber wohl Herr Beckstein von solchen Erkenntnissen hält? Vermutlich will er davon nichts hören, sehen und auch nicht darüber sprechen.
Er schwadroniert vermutlich lieber auch weiterhin über potentielle iranische Agenten, die möglicherweise „provozieren“ wollen. Aber mal ehrlich, Herr Beckstein, „verwechseln“ Sie da nicht etwas?
Das mit „provozierenden iranischen/persischen Agenten“ auf deutschem Boden war doch zu Schahzeiten (übrigens auch Anfang Juni 1967, wie der infame Angriff auf die USS Liberty), als die sogenannten Jubelperser, eingeflogene Geheimdienstschergen des Schahs von Persien, auf protestierende deutsche Studenten eindroschen, und als gleichentags Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde.

Vielleicht sollte Herr Beckstein sich in einer ruhigen Minute einmal überlegen, wofür er sich da einspannen läßt. Ein weiterer Lesetipp für ihn könnte ein NewsMax-Artikel vom 8. November 2002 sein. Er ist übertitelt mit: „Sharon: Iran Next on War List“ ([sinngemäß:] Scharon: Der Iran steht als nächstes auf der Kriegsagenda an). Ein Satz darin lautet: „In einem Exklusivinterview mit der New York Post sagte Scharon, daß er – sobald man den Irak behandelt haben werde – dahingehend Druck machen werde, daß der Iran an die Spitze der ´To-do´-Liste rücke.“