Geschrieben 10.09.2003, ergänzt 11./12.09.2003


4000 Israelis?


von Ralph Kutza

 

Bis heute soll, vor allem in arabischen Ländern, das Gerücht durch die Welt geistern, vor den Anschlägen auf das World Trade Center am 11.09.01 seien Israelis und/oder Juden vor dem Ereignis gewarnt worden und hätten sich so in Sicherheit gebracht.

Dieses gilt als bösartiges antisemitisches Gerücht. Der SPIEGEL schreibt in seiner Printausgabe 37/2003 vom 08.09.03 hierzu:

Stimmt aber diese Darstellung des SPIEGEL überhaupt?

Man tut sehr gut daran, strikt zwischen den Begriffen “Israeli” (i.S. einer Staatsangehörigkeit) und “Jude” (i.S. einer Religionszugehörigkeit) zu unterscheiden.

Die TV-Talkmasterin Sandra Maischberger suggerierte im Interview mit dem Ex-Bundesminister Andreas von Bülow im ARD am 09.09.03, er habe den Eindruck vermittelt, nur ein einziger “Jude” sei beim World Trade Center ums Leben gekommen, woraufhin er darauf verwies, von “Israelis” geredet zu haben (was er tatsächlich hat, siehe S. 216 seines Buchs Die CIA und der 11. September”).
Hier die Passage im Transkript:
Maischberger: “Sie schreiben in Ihrem Buch, es gab nur einen einzigen israelischen Toten. Das  ist nachweislich falsch. Es gibt, äh, eine jüdische Organisation in New York City, die haben alleine 400 tote Juden ermittelt. Und es gibt 400 Menschen, die  jemanden verloren haben; und Sie schreiben in dem Buch, das kann gar nicht sein,  ähm, und damit sagen Sie jemandem, der seinen Vater verloren hat, Du hast Deinen Vater nicht verloren. 
Von Bülow:
Ja, das ist eine Masche, die Journalisten aufgebracht haben, um mich in die anti- semitische Ecke hineinzubringen. Ich rede von Israelis.“

Zuvor hatte am selben Tag die ZDF-Sendung “Frontal 21” im Beitrag “Konjunktur für Verschwörer” zum gleichen Sachverhalt wie folgt Gunter Latsch vom SPIEGEL zu Wort kommen lassen.
Latsch: “Also ich glaube, mit exakt dieser Passage - über die Frage ´Wieviel Juden waren im World Trade Center oder  wurden alle gewarnt und kamen an diesem Tag nicht zur Arbeit?´ hat sich Herr  Bülow, also, aus jeder ernsthaften Diskussion nicht nur verabschiedet, sondern sich auch für jede weitere ernsthafte Diskussion disqualifiziert. Das ist die Leitversion der ewigen jüdi- schen Weltverschwörung, die mit den Protokollen der Weisen von Zion  beginnt, ´ner nachgewiesenen Fälschung. Da gibt es überhaupt keine Grundlage für. Es hat -- jede Menge jüdischer Opfer gegeben. Die exakte Zahl ist deswegen nicht feststellbar, weil die Konfessionszugehörigkeit - in den USA amtlich nicht erhoben wird und auch keine Rolle spielt.“

Von Bülow wurde also mit massiven Vorwürfen belegt, verwies aber - neben Ausführungen zur möglichen Rolle des israelischen Mossad im Umfeld des 11.09.01 - darauf, nicht “Juden”, sondern “Israelis” thematisiert zu haben.

Ist dies Haarspalterei von Antisemiten, die sich tarnen möchten? Keineswegs, wie nun gezeigt wird.
 

Der Ursprung der Zahl 4.000 - die Jerusalem Post und ihre Quellen

Auf einer ausdrücklich den Opfern des 11. September 2001 gewidmeten Web-Seite sind - soweit zum zum 21.09.2002 (also gut ein Jahr später) bekannt - die nachgewiesenen Opfer nach ihrer Staatsangehörigkeit (known foreign citizenship) und Land (known country) aufgeschlüsselt. Bei “known country” steht bei Israel die Zahl 1. Insofern hat von Bülow keineswegs schlampig recherchiert. Bei “known foreign citizenship” übrigens steht auch nur eine sehr geringe Zahl, nämlich 2.

Doch kommen wir zum SPIEGEL, der den libanesischen Sender al-Manar als Drahtzieher eines perfiden Gerüchts darstellt. Ist dem so? Nicht ganz! Was weder der SPIEGEL noch Herr Leyendecker von der Süddeutschen Zeitung noch das ARD-Magazin PANORAMA noch Frau Maischberger - und leider noch nicht einmal die Buchautoren Bröckers/Hauß - erwähnen, das ist, dass die ursprüngliche Quelle für die ominöse Zahl 4.000 die höchst renommierte israelische Tageszeitung Jerusalem Post ist.

Am 12. September 2001 berichtete sie unter der Schlagzeile “Tausende Israelis vermisst nahe WTC, Pentagon”, dass das israelische Außenministerium bislang die Namen von 4.000 Israelis erhalten habe, von denen man glaube, sie seien zur Zeit des Angriffs in der Gegend des WTC und des Pentagons gewesen. Die Liste setze sich zusammen aus Leuten, die noch keinen Kontakt mit Freunden oder der Familie aufgenommen hätten.

Man beachte, dass hier ausdrücklich von 4.000 “Israelis” und nicht etwa von “Juden” geschrieben wurde, und dass als Quelle das israelische Außenministerium und noch das “Armee-Radio” genannt werden. Rechnete man ernsthaft mit 4.000 vermissten israelischen Staatsangehörigen oder ist für das israelische Außenministerium jeder vermisste Amerikaner jüdischen Glaubens ein Israeli? Diese zahlenmäßige Darstellung stammt jedenfalls nachgewiesenermaßen keineswegs von antisemitischen oder israel-hassenden Quellen. Und der libanesische TV-Sender al-Manar nahm speziell Bezug auf israelische Medien als Quelle seiner entsprechenden Berichterstattung, wenngleich er dies sicher propagandistisch zu nutzen versuchte, indem relativierende Meldungen danach ausgeblendet wurden.

Zwanzig Minuten zuvor hatte der Internet-Dienst der Jerusalem Post bereits eine recht ähnliche Meldung verbreitet. Dabei war von Hunderten bei der WTC-Attacke vermissten Israelis die Rede, sowie von der Mitzwanzigerin Alona Avraham, Passagierin des Flugs UA-75, und dem 31-jährigen Israeli Daniel Levin, ebenfalls Passagier auf einem der entführten Flugzeuge. Wieder kommt dann unter Verweis auf das israelische Außenministerium in Jerusalem der Hinweis auf 4.000 Israelis, die sich in der Nähe der Anschlagsorte aufgehalten haben sollen. Die dortigen israelischen Auslandsvertretungen leisteten Über- stunden, um vermisste Israelis ausfindig zu machen.

Am 13.09.01 meldete die Jerusalem Post dann, durch die Suchbemühungen des Außenministeriums seien mehr als 1.000 Israelis gefunden worden. Ebenfalls am 13.09.01 vermeldete sie, dass laut Israels Generalkonsul in New York, Alon Pinkas, nicht mehr als 5 oder 6 Israelis in den Türmen oder in ihrer Nähe, und dass weitere 30-40 in der generellen Gegend gewesen wären. Bis zu einer Abendmeldung der Jerusalem Post vom 13.09.01 waren dann unter Bezug auf Konsul-Angaben die Zahlen auf “fast sichere 4 Israelis” in den WTC-Türmen zum Zeitpunkt des Kollapses, sowie vermutlich 4 weitere israeli- sche Opfer in der Umgebung geschrumpft.

Am 14.09.01 dann schreibt die Jerusalem Post, dass das israelische Außenminsterium seit den Anschlägen noch immer keinen Kontakt zu 150 Israelis hätte, dass außerdem mindestens 8 Israelis zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs in den WTC-Türmen gewesen seien. Man bestimme derzeit Identität und Zustand von 10 in New York hospitalisierten Leuten mit “israelisch” klingenden Namen.

Da hier absolut verlässlich dokumentiert werden soll, und da man unter den obigen Original-Links auf die Seiten der Jerusalem Post mittlerweile nicht mehr fündig werden dürfte - wobei man durchaus kritisch fragen sollte, warum es diese überaus wichtigen Links nicht mehr frei zugänglich gibt - hier die äußerst seriös aufbereitete, “Verschwörungstheorien” aufdecken wollende Sekundär-Quelle für die obigen Zitate.

Wer aber selbst diese Quelle anzweifelt, der findet das Eingeständnis, dass die Zahl “4.000” vom israelischen Außenministerium und der Jerusalem Post stammt, ausgerechnet auf den Seiten 21-22 eines Dokuments (im pdf-Format verfügbar) der jüdischen Anti-Defamation League mit Titel “Unraveling Anti-Semitic 9/11 Conspiracy Theories.

Doch es gibt noch sehr viel mehr recht wunderliche Dinge über die Zahl der am 11.09.01 zu Tode gekommenen Israelis zu berichten.
 

Welche Zahl nannte G.W. Bush vor dem Kongress?

George W. Bush gedachte in seiner Rede vom 20.09.2001 vor beiden Kammern des Kongresses wie folgt den Opfern der Anschläge des 11. September:

“Nor will we forget the citizens of 80 other nations who died with our own. Dozens of Pakistanis, more than 130 Israelis, more than 250 citizens of India, men and women from El Salvador, Iran, Mexico and Japan, and hundreds of British citizens.”

Er sagte also, man werde nicht die Bürger aus mehr als 80 anderen Nationen vergessen, die zusammen mit US-Bürgern starben, dann führte er u.a. beispielhaft “mehr als 130 Israelis” auf.
 

Das überraschende Fazit der New York Times vom 22.09.01

Diesmal war klar ein Bezug auf die Nationalität gegeben. Aber wie gleich ausgeführt wird, gab es nicht “mehr als 130” getötete Israelis, nein, in Wirklichkeit befand sich nicht einmal eine Handvoll israelischer Staatsbürger unter den Todesopfern. Genauer gesagt spricht jedenfalls ein Artikel der New York Times vom 22.09.01 von EINEM israelischen Geschäftsbesucher im WTC und ZWEI israelischen Flugzeugpassagieren. In Summe also DREI. Und die Ausgangszahl elf Tage zuvor war 4.000. Da mag verständlich werden, warum die arabisch-islamische Welt sich die Augen reibt.


Fazit und Einschätzung der Vorwürfe der deutschen Medien


Halten wir fest: Der SPIEGEL hat den Sender al-Manar als Urheber der Mär einer jüdischen Verschwörung dargestellt, doch dieser hat nicht von 4.000 “Juden” geschrieben, sondern aus den oben genannten guten Gründen von 4.000 “Israelis”. Warum stellt der SPIEGEL dies so verfälscht dar? Warum nennt auch sonst niemand in der Presse hierzulande die wahre Quelle der “4.000 vermissten Israelis”?

Nun bleibt noch, kurz auf den Hinweis von Frau Maischberger (09.09.03), die sich mutmaßlich u.a. auf den SPIEGEL (08.09.03) bezieht, der sich wiederum auf die gleiche Quelle bezieht wie die Sendung PANORAMA (21.08.03), in Bezug auf die Aussagen von Abraham Foxman von der jüdischen Anti-Defamation League einzugehen, obwohl dies nicht nötig ist, weil es nicht um “jüdische Opfer”, sondern um “israelische Staatsangehörige unter den Opfern” geht. Selbst wenn man dennoch auf diese vom Ansatz her schon falsche Argumentation eingeht, ist etwas seltsam. Man wird den Eindruck nicht los, dass der Vorwurf des gegenseitigen Abschreibens und Zitierens, der ja in Richtung der “Verschwörungstheoretiker” zielte, deren Kritiker selbst trifft. PANORAMA hat ein (Film-)Interview mit Abraham Foxman geführt, Frau Maischberger aber kaum. Es fällt beim SPIEGEL auf, wie vage die Passage bleibt. Wer sind genau “seine Leute”, die jüdische Opfer gezählt haben? Wie haben sie diese gezählt? Wie verlässlich sind die von ihm gemachten Zahlenangaben, wenn es keine amtliche Statistik bzgl. Religionszugehörigkeit gibt? Der SPIEGEL schreibt, mindestens 400 seien es gewesen, wahrscheinlich mehr. Bei PANORAMA war die von Foxman genannte Spanne sogar noch vager klingend geblieben, nämlich “400 bis 500”. Den “Verschwörungstheoretikern” warf man vor, sie hätten keine Interviews zum Belegen wichtiger Behauptungen geführt. Wie ist aber die Zahl 400 bis 500 belegt worden? Hat man Namenslisten eingesehen bzw. von Herrn Foxman verlangt? Wie wurde von ihm und seinen Leuten die Religionszugehörigkeit festgestellt? Etwa mit der banalen Methode, sich aufgrund der Vor- und Nachnamen zu überlegen, ob das Opfer jüdischen Glaubens war? Das wäre allerdings reichlich vage. Es gibt natürlich offizielle Namenslisten und auch ehrende Kurzbiographien (etwa von der New York Times), doch lassen sich aus letzteren nur in wenigen Ausnahmefällen so diesbezüglich klare Folgerungen ziehen wie bei Gina Sztejnberg (“Born in Poland to a Jewish couple who fled to Russia to escape the Holocaust, and then returned to Poland, she came as a girl to the United States in the early 1960´s.”). Die Methode des Überprüfens des Namens aufgrund seines “Klanges” führt zu ungenauen Angaben, die oft stimmen mögen, aber nicht immer. Kam man so auf die “mindestens 400” bzw. “400 bis 500”? Anders gefragt: Wenn man doch genauer vorging und die Verwandten und Freunde befragte, warum bleibt dann das Ergebnis so auffällig vage mit einer derart großen Spannbreite? Wie dem auch sei; das ist lediglich ein peripheres Randthema. Nicht einmal dieses haben die Kritiker bei SPIEGEL, PANORAMA usw. ausreichend geklärt oder erklärt. Vor allem lenkten sie mit diesem Randthema aber davon ab, dass die Quellen für die Irritation nicht antisemitische Hetzer waren, sondern das israelische Außenministerium, die Jerusalem Post, das israelische Armee-Radio sowie G.W. Bush (mehr als 130 tote Israelis).
Es mag Hunderte jüdischer Todesopfer gegeben haben, aber es waren nicht einmal zehn Todesopfer mit israelischer Staatsangehörigkeit, geschweige denn 4.000.
Genauer gesagt: Es waren laut dieser Internetseite der israelischen Regierung exakt FÜNF
, wobei zwei von ihnen die Jerusalem Post ja bereits am 12.09.01 als Passagiere benannt hatte:

  1. Alona Avraham
  2. Leon Lebor
  3. Shay Levinhar
  4. Daniel Lewin
  5. Haggai Sheffi

Nochmals zur Erinnerung: Sandra Maischberger hielt am 09.09.03 in ihrer Sendung Andreas von Bülow wortwörtlich vor: “Sie schreiben in Ihrem Buch, es gab nur einen einzigen israelischen Toten. Das  ist nachweislich falsch.” (Es folgt als Begründung die Ausführung von mind. 400 getötete Juden).
Nachweislich falsch? Wirklich? Herr von Bülow bezog sich in seiner Buchaussage nur auf das World Trade Center, nicht auch auf die vier Boeings. Hat Frau Maischberger wirklich einen Nachweis dafür, dass mehr als die namentlich genannten fünf Israelis bei den Anschlägen des 11.09.2001 ums Leben kamen? Das darf und muss bezweifelt werden! Es sei denn, man würde annehmen, sie wüsste es besser als das israelische Außenministerium.

Insbesondere von Bülow, aber natürlich auch die Autoren Wisnewski sowie Bröckers und Hauß haben sich also nichts vorzuwerfen und brauchen nichts zurückzunehmen. Eine ähnlich entlastende Aussage gegenüber ihren zu massiv ausfälliger Wortwahl greifenden Kritikern (in Rundfunk- und Presse-Medien sowie dabei sich besonders hervortuende Einzelpersonen) kann demgegenüber nicht getroffen werden.